Deutsche Gedenk-Kultur

Zum 20. Mal jähren sich „friedliche Revolution“ und Mauerfall des Jahres 1989. 19 Jahre nach diesen weltpolitisch und historisch tief schürfenden Ereignissen fiel dem Berliner Senat ein, dass eine Stiftung zum Gedenken an den Mauerfall fehle.

Prompt wurde eine solche 2008 aus dem Boden gestampft und vereint nun die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße 111, das ehemalige Notaufnahmelager Marienfelde, das mittlerweile ebenfalls zu einer Gedenkstätte umfunktioniert wurde, und die Kapelle der Versöhnung.

Menschen sind nicht immer einer Meinung; und je mehr Menschen an einer Diskussion beteiligt sind, desto mehr Meinungen und Meinungsverschiedenheiten werden offenbar. Bereits 1998 mit der Einweihung der Gedenkstätte Berliner Mauer zeigte sich an nicht enden wollenden Diskussionen, schwelender Wut verletzter Mimöschen und ewig währenden Zetereien, dass es zu einem erheblichen Meinungsprall gekommen war. Grund für die Aufregung war das Konzept der Stuttgarter Architekten Kohlhoff & Kohlhoff und die Frage, ob dieses für ein mögliches Denk- und Mahnmal hinnehmbar und akzeptabel ist. Doch stattdessen war von Verfälschung historischer Gegebenheiten, Geschmacklosigkeit und fehlendem Niveau die Rede. Was es nun war und ist, obliegt jedem Betrachter letztlich selbst, aber festgehalten werden muss, dass keiner der damaligen Wettbewerbsbeiträge zur geplanten Gedenkstätte Berliner Mauer zu 100 Prozent überzeugen konnte – auch das schlussendlich umgesetzte Projekt nicht.

Derlei Streitigkeiten und Machtspiele der Mahn- und Denkmal-Oberen, die die Entscheidungsgewalt und Legitimation für die Auswahl, Betreuung und Entscheidung dieser Projekte für sich in Anspruch nehmen, sind im Berliner Umfeld schon fast normal. Eben jene Leute entscheiden über ein zweifelhaftes Stadtbild, wirken und sorgen dafür, dass ein bestimmtes Konzept als Denkmal umgesetzt wird – oder eben nicht. Ausschlaggebend erscheint, wie sehr sich ein Architektenbüro beim Auftraggeber anbiedert; denn weder historischer Gehalt noch städtebauliche Ästhetik scheinen relevant zu sein. Wie groß aufgezogen wurde die Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, das sich in der Nähe des Brandenburger Tores befindet? Wochen- und monatelang wurde über Sinn und Unsinn dieses Denkmals debattiert; dass es – sofern der Begeher es nicht weiß – nicht ersichtlich sei, an was dieses Denkmal denken lassen solle; dass es als Denkmal erklärungs- und interpretationsbedürftig sei und damit als Mahnmal nicht eindeutig oder gar als solches schlicht ungeeignet. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass dieses Denkmal ausschließlich den getöteten Juden in Europa zur Zeit des Nationalsozialismus gedenkt, nicht aber den getöteten Roma & Sinti, körperlich und geistig Behinderten, Homosexuellen, Systemgegnern et cetera. Und schließlich: Gibt sich eine Anlage, in der Kinder Fange und Verstecken spielen, Touristen im Schatten der Granit-Stelen Erholung suchen und Pärchen heimlich Zärtlichkeiten austauschen, ob der offensichtlichen Belanglosigkeit, die dieses Objekt auslöst, der Lächerlichkeit preis? Oft heißt es, man dürfe dieses Mahnmal nicht so verstehen, wie es dort steht, es müsse auch interpretiert werden. Doch bedauerlicherweise ließe sich die Anlage auf Basis dieser Argumentation – was ohnehin schon als Gegenargument aufgeführt wird, da ein Denk- bzw. Mahnmal eindeutig sein sollte, wenn es nach den Kritikern geht – ebenso auf die Beinahe-Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner interpretieren, wenn die Stelen in Neu-England stehen würden: Seht her, das schöne Land der Ureinwohner wurde zugepflastert, die Natur zerstört und großflächig wurden statt ihrer große Steinsäulen gepflanzt, in denen nun die Söhne und Töchter alter Europäer hausen, dort, wo einst Mensch und Natur in Einklang lebten. Heute wird der moderne Mensch in Stahl und Beton gepfercht.

Diskussionen, Debatten und Diskurse über die Denkmäler Berlins gehören also schon seit Jahren zum guten Ton – und so verwundert es kaum, dass in diesem Jahre zum 20. Jahr der Maueröffnung den Gedenkstätten, die sich jener Zeit widmen, besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Im Geiste dieser Annäherung an noch erinnerbare vergangene Zeiten, kam man auf den Gedanken, die Gedenkstätte Berliner Mauer ein wenig zu modifizieren – mithilfe hunderter rostiger Stahlstangen, die in unregelmäßigen Abständen in den ehemaligen Grenzboden gerammt – den Todesstreifen symbolisieren sollen. An dieser Stelle mag sich ein geneigter Leser an die Stirn fassen und fragen, was hunderte Roststangen mit dem Gedenken an mindestens 136 Mauertoten zu tun haben könnten. Diesem Gedanken hängt auch der Journalist und Sachbuchautor Sven Felix Kellerhoff nach, der sich mit seiner als solche untertitelte Polemik „>>Alles Burra, oder was?<<. Das falsche Gedenken der Stiftung Berliner Mauer. Eine Polemik“ (1) dem obig angerissenen Themenkomplex nähert und sowohl Unsinn derzeitig bestehender Denkmäler und der Umstrukturierung der Gedenkstätte Berliner Mauer, als auch den eigentlichen Sinn eines Denk- und Mahnmals beleuchtet.

* * *

Wie bereits dem Titel seiner Streitschrift zu entnehmen ist, bezichtigt Sven Felix Kellerhoff die Gendenkstätten-Verantwortlichen des „falschen“ Gedenkens. Gut, das Attribut „falsch“ ist wohl dem Umstand verschuldet, dass dieser Text eine Polemik sein möchte, und dennoch stößt bereits dieses Wort sauer auf. Auch wenn eine Polemik polarisieren und auch provozieren kann, darf und muss, sollte sich eine solche dennoch an gängigen sozial und gesellschaftlich verankerten Konventionen festhalten, immerhin ist in der Bundesrepublik die Meinungsfreiheit heilig. Gerade bei derart starken, subjektiven Empfindungen wie die individuelle ästhetische Wahrnehmung kann niemand über „falsch“ oder „richtig“ entscheiden. Wenn ich also eine Polemik in die Welt setzen möchte, dann sollte ich darauf achten, dass diese dem Attribut ‚Polemik‘ auch gerecht wird. Zwar darf ich mein mir imaginiertes Gegenüber in schriftstellerisch-künstlerischer Form mithilfe linguistischer Kniffe vors Schienbein treten; ihm jedoch die Freiheit zu nehmen, selbst entscheiden zu können, wie und auf welcher Art zu gedenken sei; dies bedeutet, dass ich zu weit gehe und verlasse damit das Areal der Polemik, des Feuilletons und des Kulturjournalismus. Kellerhoff darf kratzen, kneifen und beißen, aber er darf niemandem vorhalten, er würde ein „falsches Gedenken“ zelebrieren. Sicherlich lässt es sich herrlich über Geschmack und die verschiedenen Ansichten über Ästhetik streiten, zu einem Konsens wird es freilich nicht kommen. Nicht umsonst wird behauptet, über Geschmack ließe sich dann doch nicht streiten. Man erinnere sich an dieser Stelle bitte auch an die Existenz der Ästhetik des Hässlichen, die ebenso eine jahrhundertelange Tradition vorzuweisen hat. Zwar kann ich mich über die Art, wie Denkmäler in Deutschland und Berlin aufgezogen werden, echauffieren, letztlich kann und darf ich mir als Verfasser einer solchen Polemik nicht das Recht heraus nehmen, ästhetische Vorstellungen anderer – so abwegig und furchtbar ich sie auch finden mag – als falsch zu deklarieren, zumal bei einem Denkmal dieser Thematik nicht nur Optik und Ästhetik zum Tragen kommen, sondern insbesondere das Mahnen und Warnen vor den Fehlern unserer Geschichte.
Auf diesen letzten von mir erwähnten Aspekt geht Kellerhoff im Verlaufe seiner Polemik noch tiefergehend ein.

Das Hauptanliegen von Kellerhoff ist weniger das „falsch“, bei dem ich so ausufernd verweilte. Es sind viel mehr zwei Aspekte, die er besonders hervorhebt: Zum einen übt Kellerhoff Kritik an den zeitgenössischen Künstlern; zum anderen daran, dass die Gedenkstätte Berliner Mauer als Denkmalspflege-Projekt unterhalten wird.

Nach Punkt I der Kellerhoff‘schen Zwei-Punkte-Polemik erwiesen sich die zeitgenössischen Künstler, die in den letzten zwei Dekaden mit dem Auftrag betraut wurden, historischen Ereignissen ein Denkmal zu setzen, als unfähig. Kaum eines der neueren Denkmäler in der Stadt Berlin könne als schön oder emotional aufwühlend bezeichnet werden. Nach Kellerhoff sind diese Denkmäler, die innerhalb der letzten 20 Jahre entstanden, „[…] ästhetisch und intellektuell gescheitert […]“. Dabei verweist er auf das Holocaust Mahnmal, das seiner Meinung nach eine Ausnahmestellung genießt, denn dieses erkläre sich mithilfe des Ortes der Information, einem Museum unterhalb der Anlage, das das Mahnmal ergänze. Eben dieses Mahnmal als ein Denkmal Berlins sei lediglich eine positive Ausnahme, denn ohne diese Ergänzung wäre dieser Ort wohl ähnlich seelenlos, wie andere Denkmäler dieser Stadt. Diese anderen Denkmäler, die in Auftrag gegeben und ausgeführt wurden, seien zumeist ein Zeugnis der „[…] Unfähigkeit zeitgenössischer Künstler […]“. So kritisiert Kellerhoff das sogenannte Denkmal für die Ereignisse des siebzehnten Juni Neunzehnhundertdreiundfünfzig des Berliner Künstlers Wolfgang Rüppel: Ein überdimensioniertes, verpixeltes Foto, das von dem Künstler in einen durchsichtigen Glasboden eingelassen wurde und aufgrund dieser Beschaffenheit nur schwer zu finden sei. Auch Karla Sachses „Kaninchenfeld“ am ehemaligen Grenzübergang in der Chausseestraße mit seinen ehemals 120 in den Gehweg oder der Fahrbahn eingelassenen Messing-Kaninchen oder Twin Gabriels (das Künstlerpaar Else Gabriel und Ullf Wrede) „Mind the Gap“ – ein unansehnlicher roter Klops an der Bornholmer Straße mit Sitzmulde und mittlerweile kaum noch funktionstüchtigen Lautsprechern, der dem Sitzenden näher bringen soll, dass Fremde und Eigenes nicht weit von einander entfernt liegen müssen – betrachtet Kellerhoff als Armutszeugnis der Kunst: Werke, die Kunst sein möchten, es aber nicht auf die Reihe bekommen, Kunst zu werden und darüber hinaus überhaupt den Fehler begehen, Kunst statt Denkmal sein zu wollen. Ein weiteres Merkmal der Denkmals-Besinnungslosigkeit des frühen 21. Jahrhunderts sei weiterhin der Umstand, dass es schlichtweg unmöglich war, ein geeignetes Konzept für ein Einheits- und Freiheitsdenkmal mit Bezug zum Herbst 1989 zu erarbeiten. Nicht ein einziger Beitrag der 532 Einsendungen und Entwürfe konnte überzeugen.

Diese Beispiele künstlerischen Versagens demonstrieren nach Kellerhoff, dass im 21. Jahrhundert kein vernünftiges Denkmal in Szene gesetzt werden konnte. Und nun wurde zu allem Überfluss beschlossen, die Gedenkstätte Berliner Mauer neu zu gestalten, in einer Weise, die nach Kellerhoff gewährleisten solle, ein Denkmal des Mauerbaus zu schaffen; ein Vorhaben, dessen die Stadt nicht bedarf. Denn die Stadt per se sei bereits selbst ein Mahnmal für beziehungsweise wider den Mauerbau und die Teilung der Stadt Berlin. Viel mehr sei ein Denkmal, das dem Betrachter vermittelt, dass hier eine Grenze war, an der ein DDR-Bürger sterben konnte, wenn er ihr zu nahe kam, von Nöten, sodass sich der Betrachtende dessen bewusst werden kann, welch ein menschenrechtsverachtendes Regime zu jener Zeit regierte und es fertig bringen konnte, seine Bevölkerung einzusperren. Stattdessen zeichnet man mit rostigem Stahl die Grenze nach.

Für Kellerhoff besteht das Problem bei diesem Projekt, dass die Grausamkeit des SED-Regimes nicht oder nur ungenügend zum Tragen kommt. Dem Betrachter wird die Tatsächlichkeit einer solchen Bedrohung nicht vor Augen geführt. Schlimmer noch: die Wettbewerbssieger erläutern ihr Konzept damit, dass die Grenzanlagen im Kopf mithilfe der Phantasie des Besuchers zu einem Ganzen zusammengesetzt werden müssten. Das kann aus verständlichen Gründen nicht funktionieren, genauso wenig, wie ich mir die Grausamkeiten eines Krieges imaginieren und vergegenwärtigen kann, wenn ich einen solchen nie erlebt habe. Zudem sind die versenkten Roststangen alles andere als authentisch für diese Umgebung. Also muss ein solches Projekt, eine solche Anlage visuell arbeiten; zeigen, wie es war. Dementsprechend fordert Kellerhoff, so wie viele andere auch, ein Teilstück der Grenzanlagen am Ort des ehemaligen Grenzübergangs Bernauer Straße zu rekonstruieren, um damit überdeutlich und eindeutig zu zeigen, wie diese einstmals geteilte Stadt an der Grenze aussah und sich angefühlt haben mochte. Für solche Konzepte gibt es auch schon Referenz-Beispiele, wie die Gedenkstätte „Point Alpha“ bei Geisa, das Grenzlandmuseum in Teistungen und das Deutsch-Deutsche Museum in Mödlareuth im Vogtland, die – im Gegensatz zur Gedenkstätte Berliner Mauer – sehr guten Zulauf von Besuchern erfahren, obwohl diese Einrichtungen verhältnismäßig ungünstig liegen. Für Kellerhoff zeigt sich damit unter anderem, dass „sinai. Freiraumplanung + Projektsteuerung“ aus egoistischen Motiven heraus handle. Denn es werde deutlich, dass allein der eigene künstlerische Anspruch bedient werden soll, aber ein publikumswirksames Denkmal abgelehnt werde. So verwundere es nicht weiter, dass das „Haus am Checkpoint Charlie“, das nach Kellerhoff veraltet und überteuert sei, jährlich weit mehr Zuschauer anlocke, als das kostenfreie Angebot der Stiftung Berliner Mauer.

Diesem Punkt I, den Kellerhoff zum Ausdruck bringt, kann zugestimmt werden. Seine Kritik an den zeitgenössischen Künstlern ist berechtigt. Zwar fällt diese Passage für eine Polemik ungewöhnlich sacht aus – schließlich kommt lediglich Missfallen und Kritik an bestehenden Denkmälern zur Sprache, aber keine wirklichen Provokationen oder die für Polemiken typische Schärfe des Ausdrucks und Stils – dennoch kann man diese als Leser gut und gerne abnicken. Das Problem der neueren Denkmäler ist einfach, dass Ausschreibungen und Wettbewerbe für Denk- und Mahnmäler scheinbar von Künstlern zum Anlass genommen werden, einer größeren Menschenmasse bekannt zu werden, um für sich und die eigene Kunst zu werben. Ein Denkmal soll jedoch keine Kunst sein; es soll Betroffenheit auslösen, mahnen, zum Nachdenken anregen, eindeutig sein und Emotionen hervorrufen.

Semantisch betrachtet, bietet sich uns diesbezüglich folgendes Bild: Ein „Mal“ bezeichnet ein Symbol oder ein Zeichen. Das Präfix ‚Denk-‘ in der Kombination mit dem Stamm „Mal“ sagt uns, dass es sich dabei um ein Zeichen handelt, das den Betrachter zum (Nach-) Denken animieren soll, Gedenken auslösen möchte. Ähnliches gilt für das Präfix ‚Mahn-‘ in Bezug auf ‚Mahnung‘, ‚mahnen‘.

Allein aufgrund der Semantik also läge nahe, dass ein Mahn- beziehungsweise Denkmal – um dem ihm zugedachten Zweck dienlich sein zu können – eindeutig in Bezug auf seine Deutung sein sollte. Um es noch etwas radikaler auszudrücken: Ein Denkmal sollte im idealtypischen Fall gar keiner Deutung bedürfen. Beim Betrachten sollte deutlich werden, an was mich dieses Gebilde denken lassen soll, woran es mich mahnen soll.

Bedauerlicherweise wollen Künstler in jeder Beziehung Künstler sein, auch wenn zeitgenössische Kunst immer wieder vor dem Problem steht, dass diese nur von Künstlern, aber nicht von dem „Otto-Normal-Bürger“ – wer immer das auch sein soll – verstanden werden kann. Und wenn ein Denkmal, das einem spezifischen historischen Ereignis gewidmet ist, lediglich im weitesten Sinne symbolisch zu verstehen ist, interpretiert und gedeutet werden muss, hat es als Denkmal versagt. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, wenn in Bezug auf die Denkmäler der letzten 20 Jahre häufig Kritik zu hören ist. Natürlich erfahren diese Werke auch positive Resonanz, aber bei solchen Bewertungen spürt man häufig, dass hier Kunst betrachtet wird, und eben kein Denkmal.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass Künstler stets darum bemüht sind, etwas zu erschaffen, dass es bis dato noch nicht gab. Aufgrund der letzten recht gut dokumentierten 2000 Jahre Kunstgeschichte müssen also immer abstraktere Werke her, die immer weniger zu deuten und zu verstehen sind. Und eben das merken wir auch, wenn wir ein zeitgenössisch entstandenes Denkmal betrachten, schließlich steht ein Künstler unter dem Druck, etwas zu erschaffen, das es zuvor in dieser Form noch nie gegeben hat. Und das ist – wie wir uns leicht vorstellen können – eine eher suboptimale Arbeitsgrundlage. In diesem Sinne kann ich den Unmut von Sven Felix Kellerhoff nachvollziehen und den Drang, einmal deutlich zu artikulieren, dass endlich unterschieden werden muss: Es gibt Denkmäler und es gibt Kunst. Ein Denkmal ist einem historischen Ereignis gewidmet, eindeutig, unmissverständlich und regt zum (Ge-/Nach-/Über-)Denken an. Kunst ist vielschichtig, mehrdeutig, interpretierbar, häufig symbolisch und wirkt unter Umständen inspirierend. Selbstredend ist häufig auch ein Denkmal ein Kunstwerk, aber ein Denkmal ist nicht abstrakt. Ein Handwerk, das bis zur Kunstfertigkeit beherrscht wird, kann einem Denkmal nur dienlich sein. Ein Künstler, der kein Handwerker ist, sondern der Intention nachkommen möchte, Kunst zu kreieren, steht vor dem Problem, dass seinem Objekt kein Handwerk zugrunde liegt. Ein Bildhauer oder Tischler würde wohl kaum einen roten Klops in die Landschaft setzen. Ein Bildhauer würde eine Statue errichten, die meinetwegen demonstrierende Personen der „friedlichen Revolution“ darstellt. Das Ganze wäre auf derart hohem künstlerischem Niveau, sodass der Betrachter denkt, es handele sich um versteinerte Menschen. Und wenn abstrakte Kunst zum Denkmal wird, dann lässt es mich womöglich an alles denken, aber sicherlich nicht an die Opfer eines menschenrechtsverachtenden Regimes.

*

Punkt II, den Sven Felix Kellerhoff seiner Polemik zugrunde legte, widmet sich schließlich der Intention eines Denkmals. Dabei geht er der Frage nach, was ein Denkmal zu leisten hat, insbesondere in Bezug auf die Berliner Mauer und ihren Resten, und was in diesem Zusammenhang der Denkmalschutz zu suchen hat, und was dieser eigentlich schützen soll.

Kellerhoff kritisiert hier, dass Axel Klausmeier, der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, einer Stellungnahme nach zu urteilen sehr wohl weiß, was das Publikum und die Touristen sehen wollen, wenn sie nach Berlin kommen: Authentische Berliner Grenzanlagen aus der Zeit 1961 – 1989/1990, die dem Betrachter innerhalb dieses Raumes deutlich macht, wie es sich angefühlt habe könnte, wenn ich mich als DDR-Flüchtling in der Todeszone aufhalte und permanent damit rechnen muss, eine Kugel in mein Bein einschlagen zu spüren oder ein verräterisches *KLICK* zu vernehmen, wenn ich auf eine Mine trete. Und obwohl Klausmeier dieses Bedürfnis des Publikums kennt und die Charakteristika eines Denkmals recht einleuchtend sind, entschließt sich dieser für den entgegengesetzten Weg: Der Entfremdung der Anlage durch pseudo-künstlerisches Gepfusche an dem, was ein Denkmal hätte sein sollen.

Anstatt als Institution der Erinnerung an die Teilung der größten Stadt Deutschlands, dem Mauerbau und der Mauertoten zu gedenken, soll das Gelände nach Axel Klausmeier – der sich konsequent an die Charta von Burra halten möchte – ein denkmalgeschütztes Areal sein und bleiben, also in dem Zustand erhalten bleiben, wie es sich momentan präsentiert. In diesem Zuge stellt sich allerdings die Frage, wieso überhaupt mit einer Linie aus rostigen Stahlstangen das Denkmal-Areal verfremdet werden soll. Das bedeutet letztlich, die Stiftung, die diese Gedenkstätte betreut, ist verantwortlich dafür, dass ein gewisser, nicht näher definierter, unbestimmter Zustand dieses Areals erhalten bleiben soll. Es wird de facto Denkmalschutz für Brachland betrieben.

Sven Felix Kellerhoff sieht diese Modifikation des Grenzstreifens durch rostigen Stahl als Verharmlosung des Grenzregimes, denn die Reihe aus Stahlstangen ist schließlich teilweise durchlässig, ein Charakteristikum, das die deutsche-deutsche Grenze in Berlin nicht aufwies. Mitverantwortlich für diese symbolische Verklärung der DDR-Historie sei unter anderem auch die rot-rote Regierung unter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Kellerhoff sieht ein Kleinreden und eine Verharmlosung des SED-Regimes vonseiten des Berliner Senats. Und überhaupt sehe keiner das große Ganze, überall werde mit Stereotypen und Klischees gearbeitet, die dem Tourismus dienlich sein sollen, um damit weiterhin auf zweifelhafte Weise mithilfe eines zweifelhaften Regimes Geld zu verdienen. Doch diese Argumentation widerspricht dem vorangegangenen Urteil Kellerhoffs, dass Klausmeier wisse, was der Tourismus sehen möchte, dies aber ignoriere.

In diesem zweiten Teil wird Kellerhoff dann endlich polemisch. Die Landesregierung aus SPD und Linke sieht nicht – wie üblich – mit dem zweiten besser, sondern sie sei auf dem linken Auge sehgestört, was sie darüber hinaus auch völlig normal finde. Im gleichen Atemzug kritisiert er ebenso das Mauermuseum „Haus am Checkpoint Charlie“, da es die damaligen Ereignisse des Kalten Krieges als Konfrontation zwischen Ost und West, UdSSR und USA darstellt, anstatt als eine weltweite Erscheinung, die zahlreiche Konflikte hervorbrachte und die Welt phasenweise mit der Gefahr eines Atomkrieges konfrontierte. Es fehle demnach noch immer die Fähigkeit, derlei Entwicklungen und Ereignisse im historischen Kontext als ein großes, weltumspannendes Phänomen zu betrachten.

20 Jahre nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs ist diese Fähigkeit wohl noch zu viel verlangt. Es bleibt uns als Zeitgenossen wohl nichts weiter übrig, als diese Miss- und Umstände zu tolerieren und darauf zu warten, dass hoffentlich die übernächste Generation in der Lage sein wird, den historischen und weltpolitischen Gehalt dieser Phase der Welt-Geschichte und -Politik angemessen darzustellen. Von dieser Seite betrachtet, wäre es wohl am sinnvollsten, ein Mauer-, Friedens- und Einheitsdenkmal zum 03. Oktober 2090 zu konzipieren; dann werden hoffentlich die Animositäten aller Beteiligten längst zu Grabe getragen worden sein und der Weg stünde frei für ein angemessenes Denkmal deutsch-deutscher Geschichte.

(1) Kellerhoff, Sven Felix: >>Alles Burra, oder was?<<. Das falsche Gedenken der Stiftung Berliner Mauer. Eine Polemik. In: Dr. Marc-Dietrich Ohse (Hrsg.), Deutschland Archiv. Zeitschrift für das vereinigte Deutschland (4/2009). Bielefeld: Bertelsmann Verlag, 2009, S. 589 - 593.
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