Und schon wieder der Roth – Die Erzählungen des großen Feuilletonisten

Literatur Buchruecken Max Frisch Leo Perutz Klaus Mann

Damit dieses Weblog nicht völlig verwaist und von Tag zu Tag immer nutzloser zu werden scheint, habe ich mich spontan dazu entschieden, schon wieder einen kleinen Lesetipp zu publizieren. Dabei handelt es sich ein weiteres Mal um Joseph Roth.

Dass dieser sehr gute und schöne Romane geschrieben hat, dürfte hinlänglich bekannt sein, ebenso seine weniger erstrebenswerte, aber immerhin beachtliche Karriere als Alkoholiker. Weniger bekannt – zu unrecht, wie jeder feststellen muss, der dies überprüft – sind Roths Erzählungen. Einigermaßen bekannt sein dürfte Roths wenige Wochen vor seinem Tod verfasste Erzählung „Die Legende vom heiligen Trinker“, die unter anderem in den höchsten Tönen von Marcel Reich-Ranicki gelobt worden ist.

Doch auch andere Erzählungen verdienen der Erwähnung, denn sie sind gut, verdammt gut. Die eine ist bitter-böse und zynisch, während eine nächste Novelle schon wieder fast überläuft vor Melancholie und der Sehnsucht nach alter Ordnung. Doch seht selbst. Es folgt nun eine kleine Liste der vier zuletzt erschienenen (1935, 1935, 1939, 1940) Erzählungen Roths, die alle nachzulesen sind in Joseph Roth: Die Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch, 2. Auflage 2009.

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Joseph RothDie Erzählungen

  • Triumph der Schönheit – Hach, was ist das schön. Roth in bitter-böse, bissig, zynisch und chauvinistisch. Zeit seines Lebens litt Roth in Bezug auf seine Frauen an krankhafter Eifersucht. Zu Unrecht wurde dieser Text bisher – wie fast alle Erzählungen und Novellen Roths – kaum beachtet und gewürdigt. Diese Novelle macht richtig Spaß, bringt den Leser zum Lachen vor Bosheit, wenn es z. B. im ersten Kapitel heißt: „Bis zu seinem Tode waren wir gute Freunde.“ „Er ist also jung gestorben? Und wohl plötzlich?“ „Jung und langsam und an der gefährlichsten und gewöhnlichsten aller Krankheiten: Er starb nämlich an einer Frau, und zwar an seiner eigenen …“
  • Die Büste des Kaisers – Ein weiterer Abgesang Roths auf die österreichisch-ungarische Monarchie. Melancholisch und heimatverliebt, aber auch düster und heimatverloren.
  • Die Legende vom heiligen Trinker – Die Erzählung, mit der sich Roth das eigene Denkmal setzte. Dies war der letzte Text, den er 1939 schrieb. Wenige Wochen später starb er, wohl an den Folgen einer Lungenentzündung hervorgerufen durch Delirium tremens. Gespickt mit zahlreichen religiösen Symbolen erzählt Roth eine moderne Legende von einem obdachlosen Alkoholiker, dem in den letzten Tagen allerlei Wunder geschehen. Und wieder lässt sich vieles autobiographisch lesen, erstaunlich vieles.
  • Der Leviathan – Die letzte Novelle Roths, die posthum 1940 erschien, aber noch vor dem heiligen Trinker verfasst wurde. Roth erzählt hier eine Geschichte voller Leidenschaft, Liebe und Sehnsucht zum Meer, zu den Korallen. Nissen Piczenik, der Korallenhändler, hat noch nie die Heimat der Korallen gesehen, noch nie hatte er sein Dorf verlassen oder jemals Wasser gesehen, seien es Meere, Flüsse oder Seen. Ein allmählicher Sinneswandel lässt ihn nach Odessa reisen, wo er sich letztlich vollends ans Meer verliert. Wie Roth es formuliert, ist plötzlich das Innerste Piczeniks nach außen gestülpt, er ist ein anderer Mensch, lässt sich aber auch vom Teufel verführen, besinnt sich letztlich aber doch auf den rechten Weg und begibt sich schließlich in die Tiefen des Meeres, in die Heimat seiner Korallen, nachdem das Schiff, das ihn nach Kanada bringen sollte, untergeht. Lesen ließe sich diese Novelle Roths als Parabel, als Kritik an den Fortschritt und die Neuerungen seiner Zeit.
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