Aphrodisia

Aphrodisia

Der süßlich-herbe Duft der Unberührtheit, der meine Sinne umwarb, stieß mich in die Willenlosigkeit, ließ ungeahnte Triebe in mir auflodern. Woher nur kam dieser Duft? Wer ließ etwas derart Schönes so achtlos zurück? Wem entschwand dieser Wohlgeruch?

Einsam saß ich in meiner Wohnung am Küchenfenster, stierte in meinen viel zu dünnen Kaffee, den ich hätte wegschütten sollen, ihn aber aus der Überzeugung heraus, er würde mir gut tun, dennoch trank. Kaum etwas dürfte ernüchternder sein, als bei einer Tasse Kaffee erschrocken feststellen zu müssen, dass man sein Leben verspielt hat. Diesen Punkt hatte ich nun erreicht, aber irgendwie war es nicht von Belang.
Ich war schon lang allein, lebte recht zurückgezogen in einer beschaulichen Gegend in der Nähe des Stadtzentrums. Ich hatte nun ein Alter erreicht, in welchem es sinnlos erschien, nach einer paarungswilligen Frau zu suchen, um mein Erbgut weiterzugeben. Es war jedoch auch gleich und nichtig. Was hat die Welt an mir schon verloren? Ich lebte, um zu existieren, erfüllte keinerlei Zweck, diente weder der Gesellschaft, noch mir selbst. Mein Dasein ergoss sich gänzlich in Sinnlosigkeiten.
Mein Heim war der einzige Ort, an dem ich mich dauerhaft befand. Ich hätte beinahe behaupten können, ich hätte es geliebt. Die Einrichtung war alt, älter als ich, die Tapete vom Qualm des Tabaks vergilbt und an vielen Stellen rissig, aber dies verlieh dem Ganzen Charakter, ein gewisses Ambiente der Besinnlichkeit, von dem ich hoffte, es würde mir helfen, mich selbst zu finden. Wir beide, diese Wohnung und ich, waren uns in seltsamer Art und Weise ähnlich.

Das Gezwitscher der Meisen störte mich in meiner Konzentration, auch wenn es wenig gab, über das ich hätte sinnieren müssen. Obwohl ich es besser wusste, war ich dennoch darauf fixiert meinem Leben einen alles umfassenden Sinn zu verleihen, über welchen es sich lohnen würde, nachzudenken. Jedoch, was würde dies mir bringen und an meinem Leben ändern? Überhaupt, die Frage nach einem Sinn erschien mir fragwürdig. Es mag an meinem ohnehin negativ gestimmten Gemütszustand gelegen haben, aber ist es denn nicht so, dass es gar keinen Sinn gibt? Dass der ängstliche Mensch nur darauf bedacht ist, sich einen fiktiven Sinn aufzuerlegen, damit er sich der Illusion hingeben kann, nicht umsonst zu existieren? Rational gesehen, verdanken wir unser Dasein lediglich einer unglücklichen Verkettung launischer Zufälle. Diesen Gedanken kann ich insofern erweitern, dass ich zu dem Schluss komme, dass es sich bei dem alles auslösenden und für alles kausal verantwortlichen Zufall um Gott selbst handelt. Somit ist Gott ebenso ein Zufall und eine Laune seiner selbst. Dies würde wiederum ihn und seine Existenz negieren.

Mühevoll raffte ich mich von meinem schlecht gepolsterten Stuhl auf und lief den abgetretenen Gang auf meinem Teppich entlang. Und dann geschah es ein weiteres Mal. Dieser unausstehlich betörende Geruch, der einem Menschen gehörte, der völlig glücklich und unbekümmert sein musste, so leicht und schwungvoll und dennoch herb und stark war er, als wäre die dazugehörige Person gegen alles Schlechte dieser Welt gefeit. Es roch nach weiß und rosa, zugleich aber nach gelb und blau, dennoch bot sich mir in meinen Sinnen eine Einheit, ein Ganzes, das seines Gleichen zu suchen schien. Nie genoss ich etwas, das so perfekt und rein in seiner Erscheinung war. In mir sprudelte etwas, ein Gefühl, das ich schon beinahe vergessen hatte, etwas, das so lang in der Vergangenheit zurück lag, dass es einem wie nie gewesen erschien.

Mit geschlossenen Augen und meiner Nase nach vorn gereckt, tastete ich mich langsam und bedächtig durch meine Wohnung, immer dem Duft der Liebe nach. Vor meiner Wohnungstür hielt ich inne. Obwohl mir hätte klar sein müssen, dass dieser Duft nur von außerhalb kommen konnte, war ich dennoch überrascht, als ich plötzlich vor dieser Tür, die nach draußen in diese hässliche Welt führte, stand. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass es etwas Derartiges dort in dieser, unserer Zeit geben sollte, das mich so fasziniert, dem ich willenlos verfallen war.

Ich öffnete das Tor zur Außenwelt. Der Duft wurde intensiver. Für einen Moment stand ich einfach nur auf der Schwelle und kostete diesen Augenblick aus. Selten und vor viel zu langer Zeit empfand ich eine solche Befriedigung, wie auf dieser Schwelle, die mich aus meinen Hort führte. Zurück versetzt in der Zeit sah ich mich als Heranwachsenden, geschmiegt an den Brüsten schöner Frauen, denen ich mich hingab, aber meine Seele, mein Innerstes nie an ihnen verlor. Mein Körper war gestillt von all den lästigen Trieben, mein Geist jedoch dürstete schon damals nach Höherem, hatte es aber bis heute nie erreicht. Aber dieser Duft ließ in mir die Hoffnung aufglimmen, von der ich dachte, sie läge vollkommen in grauem Dunst erloschen, als ich plötzlich diesen grausam ehrlichen Geruch gewahr, der Duft der innersten Erfüllung und Befriedung der tiefsten Sehnsüchte meiner selbst.

Wieder schloss ich die Augen und versuchte den wirren Schlaufen und Pirouetten des Duftbandes zu folgen. Mir war es, als schwebte ich durch ein Land, von dem ich als Jüngling einst träumte, einem Ort, an dem das Leben einfach war, schön und sinnlich. Nektar und Ambrosia, serviert von leicht bekleideten Schönheiten, bereit ihr seidenes Geheimnis zu lüften und Dich in die Kunst der Liebe einzuweihen.

Gelenkt von einer kindlichen Erregung schritt ich mit geschlossenen Augen durch den Hausflur auf der Suche nach der Seligkeit dieses Dufts.
Plötzlich hielt ich inne. Trotz geschlossener Augen gewahr ich die Anwesenheit einer anderen Person. Es war Sie, jenes grazile Geschöpf, das mich bereits seit Stunden betörte, ohne, dass ich sie jemals zuvor gesehen hatte. Ich spürte ihren Blick. Ich war gewillt meine Augen zu öffnen, den Höhepunkt der menschlichen Evolution mit meinen eigenen Augen wahrzunehmen.

Ein Kichern verhalf mir zurück, zurück zum Hier und Jetzt, wies mir den Pfad heraus aus meiner Gedankenwelt. Langsam hob ich meine Lider. Dort stand sie nun, strahlend braune Rehaugen, schon beinahe zu perfektes, klischeehaftes brünettes Haar, das leicht gewellt über ihren Schultern ruhte. Kindlich anmutende Sommersprossen säumten ihre Nase, ein verschmitztes Lächeln hastete für einen Augenblick über ihr Antlitz, als ich mich ihrer besann.

Alsdann drehte sie sich um und verschwand eilenden Schrittes im Korridor, das Mädchen, das ich von diesem Augenblick an liebte, ein Kind von acht Jahren.

Ich wusste, ich würde sie einst wiedersehen. Und vielleicht spreche ich sie an.

Visiozination

Visiozination

Die weiß gestrichene Raufaserecke des kleinen, verschmutzten Raumes tanzt paralysierend zu einem nichtvorhandenen, viel zu hektischen Rhythmus. Ekstatisch vollführt die Ecke helixförmige Ballettsprünge. Mein im Takt plätschernder Magen scheint die Bewegungen nachahmen zu wollen. Jener wirkt als Tänzer jedoch ungelenk, hinkt und stolpert auf und ab. Schmerzgesättigt wende ich meinen Blick ab.

Die einhundert Watt Glühlampe blendet meine empfindsamen, blau – rot angelaufenen Augen. Wie eine gläserne, irreal wirkende Lichtscheibe schwebt dieses Gebilde vor meinen zugekniffenen Gelatineäpfeln. Die Grellwellen locken Tränen hervor. Bedächtig, viel zu langsam, rinnen sie über meine aufgedunsenen, rotschillernden Wangen. „Schaisss Lammbe!“ lallt es kriechend meinen wunden Kehlkopf entlang. Ächzend und kriechend versucht mein betäubter Arm nach der braunschillernden Flasche zu greifen.

Meine verschwommene, doppelsträngige Extremität schlängelt sich gen Sehnsuchtshafen. Tollpatschigkeit lässt jenen Untergehen. Das gerstige Wasser umarmt das polierte Parkett, wie ein liebeshungriger Irrer. Mit irritiertem Blick beobachte ich das gelbe Nass. Es scheint zu leben, zu atmen. Die Umrisse der Lache verschieben sich zu einem Ganzen. Weibliche Züge werden ersichtlich. Zuerst nur ganz verschwommen, unwirklich, aber nach und nach überdeutlich. Ein Antlitz wird fassbar, schwebt nun direkt vor mir. Die gelbe Lache aus der Flasche ist nun verschwunden.

Zarte Lippen, die meinen Namen undeutlich flüstern. Smaragdgrün strahlende Katzenaugen, die mich verführerisch anblicken. Nasses, im Wind wehendes Haar, streichelt und liebkost mein Gesicht. All dies ist vertraut, dennoch fremd. Ein Déjà-vu-ähnliches Empfinden legt sich wie ein lauer Lufthauch über meine Sinne. Plötzlich schlägt es wie ein Asteroit in mir ein. Dieses weibliche Gesicht kennst du, sehr gut sogar. Dieses Lächeln hast du tausendfach wahrgenommen, bewundert und erwidert. Jenem verführerischen Blick erlagst du fast immer, immer wieder. Aber wer ist sie nur?

Mein Verstand ist benebelt, die Umgebung um mich herum ergibt keinen Sinn, leuchtet schwarz in mein Gesicht. Ich drehe mich um meine eigene Achse, das verführerisch schöne Gesicht stets vor mir. Ich höre meinen Namen aus ihrem Mund, ihre Stimme hallt durch den Raum, klingt wie sanftes Harfenspiel. Ich lechze nach ihr, strecke meine Hand nach ihr aus, streichle ihre warme, roséfarbene Wange. Sie ist perfekt, beinahe göttlich, unerreichbar. Meine personifizierte Sehnsucht, sie schwebt vor meinen lüsternen Augen. Langsam nähere ich mich ihr, streiche zärtlich mit meiner Hand über ihr Gesicht.

Andächtig berühren sich unsere Lippen, erst liebkosend, dann innig küssend. Unsere balzenden Zungen tanzen sich umarmend durch dunkle Gemächer. Ich will sie, an jenem Ort, zu genau dieser Zeit.

Mit einem krachenden Schmerz werde ich aus meiner Lust gerissen. Schallendes Gelächter erhellt den schmutzigen Raum. Ich finde mich in einem Bach aus Bier und Erbrochenem wieder. „Warum lacht ihr so bescheuert?“ fährt es aus mir. Lachend, sich kaum halten könnend, antwortet einer der Prustenden: „Nachdem du dein Bier umgeworfen hast, lagst du eine halbe Stunde in der Pfütze, versuchtest sie aufzulecken und hast dann das ganze Parkett vollgekotzt…“

Großstadtliebe

Großstadtliebe

– gewidmet –

Eine bejahrte Zahnfäule schreitet,
den stelzenden Paradiesvogel umrahmend,
erwartungsvoll gen Sehnsuchtshafen.

Gekünsteltes Balzverhalten umschwärmt
den angegrauten Schnäuzer jauchzend,
stößt geheucheltes Verlangen aus.

In fremden Federn fühlt sich Fäule frei,
entblößt unbedarft, ganz in Gossenmanier,
frohlockend all die abstoßende Potenz.

Über des Graubartes voller Pracht geneigt,
beweist der Paradiesvogel seine Routine,
lieblos, aber pflichtbewusst gen Erleichterung.

Hast und Ekel ringen um die Oberhand,
schmierige Ausdünstungen fördern die Eile,
eine Ejaculatio praecox wäre befreiend.

Abgefertigt wie ein Massenprodukt
ergießt sich Zuneigung, um anschließend
in Belanglosigkeiten unterzugehen.

Vom Druck befreit, das Verlangen gezähmt,
gehen beide ihrer Wege, auf der Suche
nach Zuneigung und betagten Phalli.

Zweifel

Zweifel

.

Unbemerkt umklammert er mich,
legt seine Hand auf meine Brust.
Benebelt von dem Rausch der Gier
Bin ich der Fäulnis verfallen.

Leis züngelt er Salz in mein Ohr,
Streut erkaltete Asche in
Das Augengrün des ewigen
Bundes, zerstörte Illusion.

Schleichend erobert er meine
Sinne, stiehlt mein Elysium.
Rau geweckt von der Wirklichkeit,
Lässt er mich wandeln durch das Meer

Der Geblendeten. Er verschließt
Die Zeiten, ich verbleib allein.

Mo-Loch

Mo-Loch

.

Trotz
zieht die
Schneide kurz,
ruckartig, fast
zu infernalisch
inszeniert und hitzig
entlang Deiner kratzigen
Fotze. Entzückt sitz‘ ich
auf zerklüfteter Knospe,
schiele Dein entrücktes
Antlitz spöttisch rotzend an,
als ich plötzlich Deine
Zitzen spreize und scharfe
Zacken den zarten Kropf
zerpflücken. Verspritzend spuckt
Dein Mo-Loch fetzige
Pfützen in spitzen Strahlen
und spuckend kotze ich
in den zerfetzten Rachen.
Schwitzend focht ich die Schlacht,
um kampflos verruchtem Krieg
zu trotzen, doch
Sehnsucht ritzt Dir
nicht Deinen Rumpf,
also wuchte
und wichse ich
Dir pflichtstrotzend
den Pflock ins Maul –
in Deinem Wund-
Wasser siechend.